Geschichte

Das Fahnenschwingen

Brauchtum und sportlicher Wettkampf

 

Versucht man unser heute gepflegtes Fahnenschwingen historisch aufzuarbeiten, gelangt man schnell in eine gewaltige Vielfalt von Wissen, Halbwissen und Vermutungen! Das Fahnenschwingen als Wettkampf, wie es unsere Vereinigung und alle Fahnenschwinger-Vereine, die dem EJV angeschlossen sind, pflegen, dürfte knapp 150 Jahre alt sein! Genauere Regeln, wie die Zeiteinheit von 3 Minuten pro Vortrag, die Fehlerpunktierung und die Art der Würfe und Schwünge sind sogar kaum älter als 100 Jahre!

Nicht älter also, als die Olympischen Spiele der Neuzeit, im letzten Drittel des 19.- Jahrhunderts entstanden darf man das heutige sportliche Fahnenschwingen mit gutem Gewissen als moderne Sportart betrachten! Dennoch ist das Fahnenschwingen keine „erfundene“ Sportart, die, durch ein im technischen Zeitalter erschaffenem Gerät entstand, sondern hat sich wohl eher aus alter Tradition entwickelt!

Fahnen, Banner und Wimpel, sind bereits im frühen Mittelalter ja sogar in der Antike in militärischen Verbänden die Hoheitszeichen von Macht und Herrschaft! Der noch heute gepflegte Ausspruch „Welches Banner hat er wohl auf sein Schild geschrieben?“ bezeichnet genau die Frage, wem Jemand wohl angehörig ist? Schweizer Söldner aus italienischen und französischen Kriegsdiensten brachten die Kenntnisse des militärischen Fahnenschwingens mit zurück in die Schweiz.

Gleichzeitig besassen in der Schweiz Sennenbruderschaften und Aelplervereinigungen Bann-Fahnen, (Banner) die in magischen „Bann-Gesten“ gegen jegliche Unbill und Gefahr geschwungen wurden! Blutfahnen rote Tücher wurden an Gerichtsorten zur Bekräftigung und Bestätigung des Richtspruches geschwungen und zeigten so dem gemeinen Volk das Urteil an.

Die oben erwähnte militärische Söldnertheorie, wird auch dadurch nicht glaubwürdiger für unser heutiges Fahnenschwingen, weil das aus fremden Fürstenhäusern importierte militärisch-zeremonielle Fahnenschwingen, sich kaum mit dem als magische Bann-Geste behafteten Ritual der Sennen und Aelplergemeinschaften assoziieren lässt.

Als entscheidender Impuls für die Breitenentwicklung des Fahnenschwingens darf der Auftritt der Innerschweizer Alpsennen am Schwing- und Aelplerfest von 1889 in Zürich bezeichnet werden! Dies war der entscheidende Impuls für die darauf folgende Breitenentwicklung des Fahnenschwingens im Schosse des EJV.

Heute wird mit einer Schweizer- oder Kantonsfahne 120cm x 120cm, in Tracht, wettkampfmässig vor einer vier köpfigen Jury geschwungen. Es gibt Einzel- und Duettvorträge. Gruppenvorträge werden nur zur Unterhaltung vorgeführt. Der Durchmesser des Kreises (aussen) beträgt 150 cm, der des Richtkreises (innen) 60 cm. Alle Schwünge und Übungsteile sind rechts und links auszuführen. Ein Vortrag dauert wie oben erwähnt 3 Minuten. Der Fahnenschwinger beginnt mit einer Punktzahl von 30, wovon für jeden Fehler Punkte abgezogen werd.

 

Literaturhinweise:

Walter Bigler „Im Dunstkreis von Ring und Bann“

Dr. Hans Stalder „Sennenkilbli von Bürglen 1911“ (Zeitschrift Heimatleben Nr.2/1955)

Dr. E.A.Gessler „Schweizerkreuz u. Schweizerfahne“

Dr. Eduard Renner „Goldener Ring über Uri“

Felix Bucher „Diverse Aufsätze über das Fahnenschwingen“ Ringordner Nr. 5 des EJV

Dr. Hans Stadler-Planzer „Die Sennenbruderschaft Bürglen“ 1993